Entgegen aller Vernunft - Chris le Kay

Entgegen aller Vernunft

„Nein, Jenny, tu das nicht! Lass die Finger von diesem Kerl! Schau ihm nicht mehr in die tiefblauen Augen – und hör verdammt noch mal damit auf, in seiner Brusttasche herumzufummeln!“

All diese Gedanken überschlugen sich in meinem Kopf! Mein Herz klopfte mir bis zum Hals und pumpte mein Blut wie einen rauschenden Fluss durch meinen Körper! Was machte ich bloß hier? Ich hatte seit neun Jahren einen Freund. Wir waren gerade in unser eigenes Haus gezogen und nun stand ich hier und war drauf und dran mich in einen der größten Hallodris der Region zu verknallen! Dabei wollte ich doch nur ganz kurz zur Verlobungsfeier meines Arbeitskollegen und besten Freundes fahren. Ich konnte mir natürlich schon denken, dass ER auch da war. Schließlich war ER der beste Freund meines Arbeitskollegen. Der hatte mich bereits durch die Blume vor Marc gewarnt. Marc war ein Typ, von dem „Frau“ am besten die Finger ließ. Er geriet immer wieder in Schwierigkeiten und war bei der Polizei kein unbeschriebenes Blatt. Doch ich musste mir insgeheim eingestehen, dass ich mich schon bei unserer ersten kurzen Begegnung wie magisch von ihm angezogen fühlte. Ein Blick aus seinen hypnotisierenden, blauen Augen genügte, und mir wurde heiß und kalt zugleich! Chancen rechnete ich mir jedoch keine aus. Ich wusste, dass Marc eine Vorliebe für naive Blondchen mit Modelmaße hatte. Somit passte ich überhaupt nicht in sein Beuteschema. Doch diese raue, ruppige Art, die eigentlich alle Alarmglocken bei mir in Gang setzen sollte, sprach mich auf eine besondere Weise an. Dieser Typ hatte was! Eindeutig! Er war attraktiv, wenn auch nicht gerade sehr groß. Trotzdem strahlte er etwas aus. Mir gefielen seine muskulösen, tätowierten Arme, die breite Brust und dann hatte er auch noch diese markanten Wangenknochen, die ich so liebte!

Ich wusste von meinem Kollegen, dass Marc es nicht leicht gehabt hatte in seinem Leben. Sein Vater starb früh und die Mutter wanderte nach dem Tod ihres Mannes kurzerhand ins Ausland aus. Marc wollte auf Biegen und Brechen in seiner Heimatstadt bleiben und fand sich schließlich mit sechzehn allein in einem alten Mietshaus wieder. Kurzerhand schmiß er seine Lehre, ging auf Montage und machte einen auf Lebemann. Er brach unzählige Herzen und meins sollte doch bitte schöne verschont bleiben! Doch es war bereits zu spät …

Marc hatte mich in ein Gespräch verwickelt. Ich stammelte irgendwelche Antworten und versuchte möglichst cool zu wirken. Mit etwas zittrigen Händen kramte ich eine Zigarette hervor, steckte sie mir zwischen die Lippen und tastete meine Taschen nach einem Feuerzeug ab. Doch ich hatte mal wieder keins dabei. Also stellte sich Mark ganz dicht vor mich und meinte nur: „Hier – in meiner rechten Brusttasche.“ Er war an diesem Abend zum Grillmeister auserkoren. Daher steckte seine linke Hand in einem Grillhandschuh und mit der rechten hielt er die fetttriefende Grillzange in die Höhe. Ich fasste also in seine Brusttasche und fummelte nach dem Feuerzeug, was sich darin befand. Aber irgendwie bekam ich es nicht zu fassen. Das lag wohl an der Nähe dieses Mannes, seinem betörenden Duft und nicht zuletzt an der Tatsache, dass ich durch den dünnen Hemdstoff seine Brustmuskeln fühlen konnte. Während mir die Verlegenheit im Gesicht stand, schien sich mein Gegenüber köstlich zu amüsieren. Mit einem schiefen Grinsen schaute er mich an, während meine Hand noch immer in seiner Brusttasche herumfuhrwerkte. Mir war das unheimlich peinlich! Also hob ich den Blick und wollte mich für die Fummelei entschuldigen. Doch – als sich unsere Blicke trafen, passierte es! In meinem Hirn klinkte irgendetwas aus – der kleine Liebesmotor in meinem Herzen hingegen, geriet mächtig in Fahrt! Lustigerweise erzählte mir Marc später, dass es bei ihm auch genau in diesem Moment „Zoom“ gemacht hatte!

Leider konnte ich an jenem Abend nicht länger bleiben. Mein damaliger Freund und ich erwarteten ein ebenfalls Gäste und so musste ich mich schweren Herzens von Marc verabschieden. Allerdings nicht ohne vorher eine „ganz unverbindliche“ Verabredung einzugehen. Denn meine neue Bekanntschaft hatte sich spontan angeboten, mein Motorrad für den TÜV flott zu machen.

Nach einer Woche Sehnsucht und Herzschmerz stand ich schließlich mit meiner Maschine vor Marcs Tür. An diesem Abend küssten wir uns das erste Mal. Von jetzt auf gleich waren wir beide so schwer ineinander verliebt, dass ein Zukunft ohne den anderen undenkbar war! Doch da war ja immer noch mein altes Leben, mit meinem Freund und dem ganz frisch bezogenen Heim … Ich bat Marc um etwas Zeit. Schließlich musste ich einiges regeln. Neben dieser vorher nie so stark gefühlten Verliebtheit, mischten sich viele schwere Gedanken. Hätte ich mich doch nur nicht auf diesen Hauskauf eingelassen! Wenn ich daran dachte, wie viele Arbeitsstunden meine Familie in den Umbau des Altbaus gesteckt hatte, wurde mir ganz schlecht! Doch Marc verstand es jedes Mal, die schwarzen Wolken aus meinem Kopf zu vertreiben. Er schrieb mir haufenweise Liebesbriefe, rief mich mehrmals täglich bei der Arbeit an, steckte mir heimlich Blumen unter die Scheibenwischer meines Autos, schaltete anonyme Liebesanzeigen in der Tageszeitung und fand immer wieder eine Möglichkeit für ein heimliches Treffen. Außerdem kam er auf die verrücktesten Ideen, um mich aufzuheitern. So wie an jenem Tag, als ich mal wieder mit bedrückter Stimmung zur Arbeit fuhr. Der Straßenverlauf war über mehrere Kilometer recht kurvig und entsprechend beschildert. Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass genau diese Schilder allesamt mit der Abkürzung „D.T.“ in einem grellen Neon-Pink bemalt waren. Wenige Meter später prangte ein riesiges, grell-pinkes Herz mitten auf dem Asphalt. Darin stand in großen Buchstaben: „Ich liebe Dich! Dein Traummann!“

Im ersten Moment war ich völlig perplex, doch dann ging mir ein Licht auf! Marc, dieser verrückte Kerl! „D.T.“ stand für „Dein Traummann“! Er hatte also in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verbotenerweise die ganzen Straßenschilder bemalt!

Später am Telefon erzählte er mir, dass er mich damit aufheitern wollte. Schließlich wüsste er doch, dass mich gerade so viele Probleme belasteten. Ich schmolz dahin – schon wieder …

Nach diesem idiotisch-schönen Liebesbeweis stand für mich fest, dass ich nicht länger warten wollte. Ich schaffte es endlich, die Beziehung mit meinem Freund zu beenden und outete mich bei meiner Familie. Das war vielleicht ein Theater! Da Marcs Ruf ja nicht gerade der beste war, prophezeiten viele Leute aus unserem Umfeld, dass unsere Beziehung keine Chance hätte. Doch Marc und ich ließen uns dadurch nicht beirren. Ganz im Gegenteil! Wir wuchsen noch fester zusammen! An unserem ersten Jahrestag verlobten wir uns. Einige Monate später folgte ein herrlich bekloppter Heiratsantrag in typischer „Marc-Manier“. Na klar sagte ich „Ja“! Im August 2003 feierten wir dann eine rauschende Hochzeit – doch nicht ohne vorher unsere Familie mal wieder etwas zu schockieren … Zum Standesamt erschienen mein Göttergatte und ich nämlich komplett in Leder – eben so, wie es sich für ordentliche Motorradfahrer gehörte. Meine Oma bekam fast einen Herzinfarkt und ließ sich nur beruhigen, indem ich ihr hoch und heilig versprachen, dass wir zur kirchlichen Trauung in akkurater Hochzeitskleidung auftreten würden. Doch der Motorrad-Corso wartete natürlich trotzdem nach der kirchlichen Zeremonie auf uns …

Zwei Jahre später kam unsere Tochter zur Welt. Er ist der beste Beweis, dass Marc und ich eine perfekte Symbiose eingehen. Nun sind wir seit knapp 16 Jahren zusammen, 13 Jahre verheiratet und immer noch ineinander verliebt! Also so richtig – mit allem Drum und Dran! Wir wissen dieses Glück wirklich zu schätzen und versuchen unsere Liebe stets wie einen Schatz zu hüten. Auch wenn das im stressigen Alltag nicht immer einfach ist und auch bei uns der ein oder andere Ehesturm tobt. Aber – hey – das gehört nun mal dazu und Gewitter reinigen ja bekanntlich die Luft! Doch wer so für seine Liebe gekämpft hat wie wir, der weiß diese ein Leben lang zu schätzen!

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